Der Urlaub ist um, der Alltag hat Einzug gehalten und so manche erinnern sich wehmütig an die wenigen Wochen ohne Agenda und Zeitplan. Erst durch diese Freiräume wird vielen Menschen bewusst, wie angespannt sie eigentlich sind.
Das zeigt sich häufig auch in der Partnerschaft. Für etliche ist Sexualität weniger mit Leichtigkeit verbunden, sondern vielmehr mit dem Gefühl, funktionieren zu müssen. Sie erleben Sex als kopflastig, beobachten sich stetig. Dadurch entsteht Druck.
„Bin ich attraktiv genug?“, „Ist mein Partner, meine Partnerin befriedigt?“, „Warum kann ich mich nicht einfach fallen lassen?“ – solche Gedanken sind keine Seltenheit. Sie tauchen mitten in einer sexuellen Begegnung auf, mal ganz leise und mal so laut. Plötzlich ist man nicht mehr bei sich und dem Gegenüber. Stattdessen ist man bei sich selbst und fragt sich, ob alles so ist, wie es sein sollte.
Aus einem Beisammensein, das von Nähe, Lust und Neugier getragen sein könnte, wird eines, bei dem etwas geleistet werden soll.
1. Warum wir beim Sex funktionieren wollen
In meiner Arbeit als Sexualtherapeutin und Paartherapeutin habe ich immer wieder mit diesem Thema zu tun. Hinter dem Wunsch, sexuell zu funktionieren, steckt gelegentlich eine tiefere Sehnsucht nach Anerkennung und Verbundenheit, nach der Gewissheit, begehrenswert zu sein und nicht zu enttäuschen. Leistungsdruck in der Sexualität ist also oft Ausdruck von gelernten Mustern, die mit Selbstwert und Angst vor Ablehnung zu tun haben.
Viele Männer erzählen mir von dem Druck, eine Erektion bekommen und aufrechterhalten zu müssen, lange genug durchzuhalten oder die Erwartungen ihrer Partnerin oder ihres Partners zu erfüllen. Frauen berichten häufig davon, dass sie während des Sex kaum noch wahrnehmen, was sie selbst empfinden. Sie befassen sich damit, wie sie wirken, ob sie gut aussehen oder ob das Gegenüber zufrieden ist.
Hinzu gesellen sich Bilder aus sozialen Medien und Pornografie, die unrealistische Vorstellungen von Sexualität vermitteln: Erregung scheint jederzeit verfügbar, Körper reagieren vermeintlich mühelos, Orgasmen kommen zuverlässig und der Akt verläuft wie selbstverständlich. In der Praxis zeigt sich, dass Menschen nicht mehr bei der „Sache“, sondern damit beschäftigt sind, sich selbst oder das Gegenüber zu beobachten. Lust und das Gefühl von Nähe verschwinden, stattdessen stellen sich Anspannung und Frust ein.
2. Wenn der Kopf übernimmt und der Körper unter Druck gerät
In der Sexualtherapie und Paartherapie begegnet mir der Leistungs- und Funktionsdruck in unterschiedlichsten Formen. Manche Klienten erzählen von zunehmenden Schwierigkeiten mit der Erektion. Andere fühlen sich lustlos. Einige vermeiden gar gänzlich Sexualität, um der Angst vor Versagen, Ablehnung oder Enttäuschung zu entkommen. Die Gedanken kreisen um Fragen wie: „Reagiert mein Körper richtig?“, „Bin ich erregt genug?“, „Gefällt meinem Gegenüber, was ich tue?“, „Klappt es diesmal?“
Solche Überlegungen beeinträchtigen meist das sexuelle Erleben. Der Körper reagiert mit Stress, die Anspannung nimmt zu. Dadurch wird das „Funktionieren“ noch schwieriger. Nicht selten ergibt sich ein Teufelskreis: Je größer das Bedürfnis nach Kontrolle ist, desto weniger gelingt es, in Verbindung mit sich und der anderen Person zu sein.
Genau hier kann ein wichtiger Perspektivwechsel beginnen: Vielleicht geht es gar nicht darum, sexuell etwas „besser“ zu machen oder zu „leisten“. Sondern darum aufzuhören, sich und anderen etwas zu beweisen.

Zusammen ohne Druck herausfinden, was es braucht, damit sich beide sicherer
und freier zu fühlen: Darum geht es in der Paartherapie.
3. Wie wir wieder in Kontakt kommen
Sexualtherapie will Sexualität als Erfahrung begreifbar machen, die von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Also weg von Kontrolle und Leistungsdenken. Ein erster Schritt kann sein zu realisieren, dass Sexualität kein technischer Vorgang ist, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Körper, Emotionen, Situation und Beziehung.
In meiner Arbeit als Sexualtherapeutin und Paartherapeutin unterstütze ich Menschen dabei, ihre individuellen Muster besser zu verstehen. Gesucht wird nicht eine bestimmte Technik, die möglichst schnell zum gewünschten Ergebnis führt. Vielmehr finden wir gemeinsam heraus, was den Druck aufrechterhält, welche Bedürfnisse dahinterliegen und was es braucht, um sich sicherer und freier zu fühlen.
Körperwahrnehmung, Achtsamkeit und Kommunikation können gangbare Wege sein. Achtsamkeitsübungen etwa helfen, den Körper bewusster zu spüren und Kontrolle nach und nach loszulassen. Ebenso essenziell ist es, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu kennen und Vorstellungen zu hinterfragen, wie Sexualität sein sollte.
In der Paartherapie lernen Partner:innen, ehrlich und offen über ihre Wünsche, Ängste und Grenzen zu sprechen. Anfängliche Scheu weicht einer natürlichen Offenheit. So entstehen Vertrauen und tiefere Nähe, die sexuellen Begegnungen können (wieder) lebendiger werden.
Sexualität muss nicht perfekt, nicht immer leidenschaftlich oder spontan und von Lust getragen sein. Sie darf sich verändern, Pausen nehmen und manchmal ganz anders sein, als wir es uns vorgestellt haben.
Sexualtherapie und Paartherapie bieten einen geschützten Raum, um neue Perspektiven zu entwickeln und einen eigenen, stimmigen Zugang zu Sexualität zu finden. Dabei begleite ich Sie gerne. Die Erkenntnis vieler meiner Klient:innen ist: Sexualität wird vitaler und entspannter, wenn man aufhört, „funktionieren“ zu wollen.
„Sexualität wird vitaler und entspannter, wenn man aufhört, ‚funktionieren‘ zu wollen.“
Hildegard Schlageter, Sexualtherapeutin
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